Was ist das "normale Leben" in Zeiten von Corona

Das normale Leben ruht. Das oder ähnliche Formulierungen hört und liest man dieser Tage ständig.

Schaut man sich um, so stimmt das sicher auch.

Professioneller Sport in den Hallen und Stadien ist ausgesetzt, die Schulen sind seit Wochen geschlossen, das Wort Homeoffice hat das Zeug zum Wort des Jahres (wäre da nicht noch das Wort Coronavirus), Geschäfte sind vielfach geschlossen, private und öffentliche Feiern so gut wie untersagt.

Das alles lässt sich tatsächlich als Ruhen des normalen Lebens beschreiben.

Doch blickt man tiefer ist „normal“ ein sehr starkes Wort. Für die meisten Menschen bleibt es tatsächlich größtenteils bei den zuvor genannten Einschränkungen. Wir üben Verzicht, nehmen Rücksicht, bleiben zu Hause.

Wir tun es, weil wir die Menschen schützen möchten, die mehr zu verlieren haben als das kleine bisschen Freiheit. Deren Leben schon vor dem Virus nicht unsere Definition von normal erfüllt hätte.

Wie geht es diesen Menschen, wie sieht der Alltag derzeit aus, der schon für uns teilweise schwer zu fassen ist?

Bei kiwisto haben wir zahlreiche Kunden, die jetzt besonders betroffen sind. Eltern mit kleinen Kindern können es vermutlich am besten nachvollziehen. Plötzlich ist da jemand immer zu Hause, der dauerhaft Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Pflege benötigt.

Keine Schule und keine Kita sorgen für dringend benötigte Entspannung, nicht nur für die Eltern, auch für die Kinder. So wichtige Rituale brechen weg, keine Fahrt mit dem Bus zur Schule, kein freundliches Schäkern mit dem Fahrer, kein Morgenkreis, kein Kanal für die Energie.

Kleine Wirbelwindel im Haus halten zu müssen ist schwer genug. Bei behinderten Kindern ist das oft nochmal schwerer. Die Kraft wächst, aber das Verständnis für die Situation ist häufig schwer zu vermitteln. Eine Mutter berichtete mir am Telefon von ihrem jugendlichen Sohn mit Autismus. Nicht nur braucht er seinen festen Rhythmus, er muss sich auch auspowern. Sonst wird er zu einer Gefahr für sich und andere. Die Kraft, die ein Junge dann entwickeln kann, sollte man nicht unterschätzen.

Die Mutter erzählte mir von geschlossenen Spielplätzen und der Schwierigkeit, den aus der Schule gewohnten Betreuer auch ohne Schule weiter zu bekommen. Ein harter Kampf sei es gewesen, selbst kleine Lösungen zu erreichen. Letztlich war es ein Attest, der zumindest den Besuch eines Spielplatzes ermöglicht. Ein kleines Ventil für ein bisschen weniger Energie an falscher Stelle.

Die einfache Lösung gibt es nicht.

Wenn über die Öffnung von Schulen geredet wird (am 4. Mai soll es langsam wieder losgehen), geht es meist um Abstandsregeln, um Prüfungen um die Schwierigkeiten von Grundschülern, dauerhaft alleine zu lernen. 

Wie aber sind Abstandsregeln in der Schule einzuhalten, wenn ein Kind intensive Betreuung benötigt? Wie soll Wickeln, Waschen, Füttern und Spielen ohne Nähe funktionieren? Und wie will man diese Kinder schützen, die ja häufig zur Risikogruppe gehören? 

Diese Fragen werden uns alle noch lange beschäftigen. Vielleicht aber führen sie uns auch vor Augen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist, wie wenig „normal“ und standardisiert das Leben tatsächlich funktioniert. 

Wenn wir uns das vor Augen führen und auch in der Zukunft bewahren, dann kann in dieser so schwierigen Zeit der Samen gelegt werden für eine solidarischere Zukunft. 

Es liegt an uns allen, das zu erreichen.

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